Zu Besuch bei Michael Brynntrup
Am Montag und Dienstag (28./29.04) war ich in Braunschweig. Michael Brynntrup ist da jetzt Professor an der Kunsthochschule. Das einzige was ihm fehlt, ist eine gesunde Portion Größenwahn.
Ich war etwas angeschlagen und hatte Fieber. Am liebsten hätte ich, statt den Film zu zeigen, mich ins Bett gelegt. Das Schöne an Filmen ist ja, dass sie ganz von allein ablaufen. Die Leute waren alle wahnsinnig nett und erstaunlich schockiert. Wir haben dann noch ein Gespräch gemacht mit Michael. Ich habe ein bisschen nach unserer Methode gefilmt. Davon fühlten sich die Leute glücklicherweise nicht so provoziert. Später am Abend habe ich noch einen Raster-man mit Joint auf dem Klo getroffen. Der meinte, man könnte und sollte so etwas nicht machen. Er war auch nett und ich habe mich für die Kritik bedankt.
Ich wollte diesmal vor allem vermeiden, den Gut-Menschen zu geben. Das ist, glaube ich, gelungen. Dann habe ich auch darauf verzichtet, Dinge zu erzählen, die mir eh niemand glaubt, nämlich, dass mich Theorie viel mehr fasziniert als alles andere. Auch nicht, wie ich zur Theorie kam.
Am Dienstag war dann ein Seminar. Eine sehr nette Professorin. Heike Klippel. In Berlin oder auch wenn man viel mit Israelis zu tun hat, ist man einfach einen anderen Ton gewöhnt.
Es war so ein bisschen wie in der Schule, einschließlich schnatternder Mädels in der letzten Reihe. Theorieinteresse: leicht unter Null - mit ein paar Ausnahmen.
Theorieinteresse, Interesse an Forschung ist natürlich auch Weltinteresse. Zur Affirmation braucht man keine Theorie.
Was ich gut fand, war, dass das Seminar in der ersten Sitzung mit dem Wunderblock-Text von Freud (Notiz über den Wunderblock, 1925) angefangen hat und damit mit der Unterscheidung von Gedächtnis und Archiv. Es ist immer gut, sich einem Begriff von seiner Negation her zu nähern.
Freuds Text zeigt in einer technischen Metapher genau das, was ein Archiv nicht ist, nämlich ein Gedächtnis. Das Archiv hat eine Binär-Logik. Entweder ist etwas in ihm enthalten oder nicht. Seine Selektion ist wohldefiniert und gnadenlos. Es benutzt einen operativen Code. Die Ausgabe des Archivs ist - zumindest was das klassische Archiv angeht - mit der Eingabe identisch: So wie die Daten in das Archiv hineingehen, so kommen sie auch wieder heraus.
Das Gedächtnis dagegen besitzt eine Latenz (was der Wunderblock-Text von Freud schön bebildert). DESHALB WEISS NIEMAND, NICHT EINMAL DAS GEDÄCHTNIS SELBST, WAS ES ENTHÄLT. Es kann seine Einträge immer nur aus dem Jetzt aktivieren und ist deshalb doppelt kontingent: Es kennt weder seine Einträge noch weiß es, wie es sie aus der Perspektive der (kontigenten) Zukunft aktivieren wird. Spannend auch, dass jedes Erinnern den “Gegenstand” der Erinnerung verändert.
Eine weitere Differenz zwischen Archiv und Gedächtnis besteht im vollkommen unterschiedlichen Verhältnis zur Wiederholung. Der immer wieder gleiche Eintrag in ein Archiv schafft möglicherweise eine Redundanz, verändert aber nicht den Eintrag.
Die vollkommen unterschiedliche Bedeutung der Wiederholung im operativen (in diesem Fall: Archiv) und performativen Bereich (in diesem Fall: Gedächtnis) wird oft übersehen. Selbst Luhmann, der seinen Informationsbegriff von Shannon bezieht, ist unpräzise, wenn er schreibt, dass eine Nachricht in der Wiederholung zwar ihren Sinn behalte, aber ihren Informationswert einbüße (G.d.G.p.71ff).
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Insgesamt ist nicht ganz einsichtig, wozu man überhaupt einen Medienbegriff braucht, wenn man Filmtheorie macht. Wenn Theorien es nicht schaffen, eine Differenz zum Alltagsbewusstsein zu markieren, kann man - denk ich - gut auf sie verzichten.
Ich wollte diesmal nicht erzählen, wie ich zur Theorie gekommen bin. Ich weiß auch nicht, warum. Ich hätte mehr Zeit gebraucht. Wenig, dachte ich, wäre vielleicht mehr. Ich hatte erst vor, auf mein Basis-Medien-Seminar hinzuweisen oder auf meinen Text Mensch und Medium (Medienkunde für Schüler), aber ich wollte vermeiden, dass das als Angriff missverstanden werden könnte.
[Bilder: Michael Brynntrup]
Wer sieht sich das Fade-to-Black-Project an?

